3 Voltaire: Fanatismus und Toleranz - Religionskritik in Frankreich


Voltaire: Fanatismus und Toleranz - Religionskritik in Frankreich

Voltaire: Fanatismus und Toleranz - Religionskritik in Frankreich
 
Aus den religiösen Bürgerkriegen waren die europäischen Staaten ganz unterschiedlich hervorgegangen. Deutschland war in Territorien verschiedener Konfessionszugehörigkeit aufgeteilt und versuchte, von den Wunden des Dreißigjährigen Krieges zu genesen. England hatte nach dem Puritaneraufstand und der Restauration die katholischen Stuarts vertrieben und gedieh unter dem Gesetz der Toleranz gegenüber den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Der französische Absolutismus forderte die Einheit des Glaubens und versetzte nach 1685 die wenigen nach der Aufhebung des Edikts von Nantes im Lande verbliebenen Protestanten ins Unrecht. Es musste für einen Franzosen, der in England die Segnungen der Toleranz erfahren konnte, bitter sein zu beobachten, in welchem Ausmaß Unduldsamkeit, Gewalt, Verfolgung, Zensur und Fanatismus das Land schädigten.
 
Da Argumente allein nicht halfen, beschloss Voltaire, die Gaben des Stils und des Spotts einzusetzen, um die selbstzerstörerische Dummheit seiner Regierung vor den Augen der gebildeten Welt lächerlich zu machen. Dazu brauchte er gar nicht anzugreifen, sondern lediglich von seinen Erfahrungen in England zu berichten. Über das bunte, von Unterschiedlichkeit und Toleranz geprägte Treiben an der Londoner Börse schrieb er im sechsten der »Philosophischen Briefe«: »Am Ende dieser friedlichen und freien Versammlung gehen die einen zur Synagoge, die anderen eins trinken; dieser lässt sich in einem großen Bottich im Namen des Vaters vom Sohne für den Heiligen Geist taufen, jener lässt seinem Sohn die Vorhaut beschneiden und über das Kind hebräische Wörter murmeln, die er überhaupt nicht versteht; die anderen gehen in ihre Kirche, um mit dem Hut auf dem Kopf die Inspiration Gottes zu erwarten, und alle sind zufrieden.« Eine Religion bedeutet Despotismus, zwei den Bürgerkrieg, aber mit 30 Konfessionen kann man glücklich und in Frieden leben - dieser Gedanke Voltaires, der heute harmlos erscheinen mag und sich in der Praxis bewährt hat, brachte die französische Obrigkeit auf. Das kleine Buch wurde vom Henker verbrannt, und Voltaire, der sich damit für drei Jahre der Verbannung in England hatte rächen wollen, musste vor einem neuen Haftbefehl fliehen. Man kann sich die Enge der genehmigten Gedanken kaum vorstellen; keineswegs waren es nur religiöse Dogmen, welche die Kirche verteidigte. Noch mitten im Jahrhundert der Aufklärung, in dem Newton das kopernikanische System glanzvoll bewiesen hatte, wurde dies in der Sorbonne allenfalls als Hypothese erwähnt und weiter mühsam der modernisierte Ptolemäus gelehrt. Die Pockenimpfung, die Lady Montagu in Konstantinopel kennen gelernt und an ihrem eigenen Kind probiert hatte, galt weniger aus medizinischen Bedenken als gefährlicher Wahnsinn, sondern vielmehr deshalb, weil sie unchristlich sei.
 
Der französische Absolutismus beruhte dem Vorgeben nach auf der theokratisch fundierten »Politik gemäß der Heiligen Schrift« (1709) des Bischofs Bossuet, während in Wirklichkeit die höheren privilegierten Stände eine empörende Sittenlosigkeit an den Tag legten, die entsetzlichste Willkür herrschte, Haftbriefe ohne richterliche Prüfung ausgestellt und öffentliche Mittel verschwendet wurden. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die öffentliche Meinung auf der Seite des glänzenden Kanzelredners Bossuet, am Ende stimmte man mit Voltaire überein. Voltaire focht dafür einen unermüdlichen publizistischen Kampf, gegen unbegründete Lehren, gegen Gewalt und Unrecht und für die Anerkennung selbstständigen Denkens. Falsche Auffassungen widerlegte er und, was weit wirkungsvoller war, er zeigte durch Ironie und scharfen Witz ihre Lächerlichkeit sowie ihre Schädlichkeit für die Gesellschaft. Einzelne Fälle offensichtlichen Unrechts, grausame Justizmorde an Protestanten, wie der an Jean Calas von 1762, erhob Voltaire zu Skandalen europäischen Ausmaßes, wobei er nicht nur publizistisch kämpfte, sondern die Mittel für den Revisionsprozess zur Rehabilitierung des verurteilten Opfers aufbrachte und sich um die Hinterbliebenen kümmerte.
 
Durch die kritische Arbeit der Philosophen erledigten sich unhaltbare religiöse Dogmen allmählich von selbst, während die Kirche weiterhin ihre Macht und der hohe Klerus ungeheuren Grundbesitz behielt. Von England aus verbreitete sich langsam die Überzeugung, dass man auch als Deist und unter dem Gesetz der Toleranz ein moralisches Glied der Gesellschaft sein könne. Im katholischen Frankreich fand das geistliche Leben innerhalb kleinerer Gruppen und Erneuerungsbewegungen statt, die ihrerseits oft grausam von der kirchlichen Autorität verfolgt wurden. Am Ende des erbitterten Streits zwischen Jansenisten und Jesuiten stand das Verbot beider Organisationen. Neben mystischen Erneuerungsbewegungen wurden auch weltliche und galante Orden gegründet. Viele der Weltgeistlichen, Abbés, die eine intellektuelle Schicht bildeten, kümmerten sich nicht im geringsten um kirchliche Aufgaben, während die Landgeistlichen, Curés, oft als einzig Gebildete in ihrem Dorf soziale Verantwortung wahrnahmen. 1789 sollte sich innerhalb des Klerus eine Trennung vollziehen. Die intellektuell und sozial verantwortliche niedere Geistlichkeit schlug sich zu einem guten Teil zum dritten Stand des Bürgertums, zusammen mit den jungen adligen Offizieren, die für die amerikanische Unabhängigkeit gekämpft hatten, und einzelnen anderen Adligen wie dem Grafen Mirabeau.
 
Es ist entscheidend, dass der Kampf der Aufklärung und besonders Voltaires lebenslanges Wirken nicht gegen das Christentum und den Glauben an einen Gott gerichtet waren, sondern gegen Gewalt, Unrecht und Verfolgung durch eine intolerante, abergläubische und die Aufklärung unterdrückende Kirche. Voltaires Schlachtruf »Écrasez l'infâme!« (= Vernichtet die Schändliche) bezog sich auf die mittelalterlichen Überreste unkontrollierter kirchlicher Macht. Dabei paktierte er mit Despoten wie Friedrich II. und Katharina II., die religiös indifferent waren und also Toleranz üben konnten. Ein Jahrhundert nach Voltaires Tod sollte eine laizistische Republik die Forderungen der Aufklärung verwirklichen. Seine Gedanken sollten dann lange schon Besitz des liberalen Bürgertums sein und seine Bücher den Ruf der Neuigkeit und Kühnheit verloren haben, den sie zu seiner Zeit und in seinem einzigartig beweglichen und reizvollen Stil begründet hatten.
 
Prof. Dr. Horst Güther
 
 
Geschichte der Philosophie, herausgegeben von Wolfgang Röd. Band 8: Die Philosophie der Neuzeit, Teil 2. Von Newton bis Rousseau. München 1984—89.
 Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Band 2: 17. bis 20. Jahrhundert. München 1996.
 Starobinski, Jean: Die Erfindung der Freiheit. Aus dem Französischen. Frankfurt am Main 1988.

Universal-Lexikon. 2012.

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